Die Untersuchung widmet sich der Frage nach Strukturen und Verfahren der Generierung und Vermittlung von bildlichem Wissen in den zwei Zeichnungsbüchern, die traditionellerweise dem venezianischen Maler Jacopo Bellini (um 1400–1471) zugeschrieben werden. Bildliches Wissen wird dabei als Resultat von dynamischen Aushandlungsprozessen konturiert, in denen theoretische Reflexion und künstlerisches Praxiswissen, materielle Verfasstheit und visuelle Ausdrucksform, ästhetische Erfahrung und das Vorwissen des Rezipienten konvergieren. Anhand einzelner Zeichnungen werden sowohl epistemische Potenziale von Linien und Liniengefügen als auch der Geltungsanspruch, der in den und durch die Zeichnungen selbst aufgrund der ästhetischen Erscheinungsweise und medialen Bedingtheit erhoben wird, analysiert. Darüber hinaus wird der Blick auf Figurationen gerichtet, die beim Transfer theologisch-heilsgeschichtlichen Wissens in ein perspektivisches Bildkonzept entstehen, indem etwa die Anschauungslogik der perspektivischen Bildkonstruktion variabel mit der anders begründeten Logik der figürlichen Narration koordiniert oder dissoziiert wird. Schließlich wird die Aufmerksamkeit auf das Buch als ‚Medium des Wissens‘ gerichtet und Verschiebungen, Transformationen und Dynamiken in der Zusammenstellung variabler Anschauungs- und Wissensdispositive untersucht.