Die jüngere Vergangenheit Südosteuropas ist von einer Vielzahl von gewaltsamen Konflikten geprägt, von denen auch religiöse Gemeinschaften stark betroffen waren. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass sie bestimmte Mechanismen entwickelt haben, um diese Konflikte auch öffentlich zu verarbeiten. Der Artikel soll deskriptiv einen Überblick über die Positionen der bedeutenden Religionsgemeinschaften in neun Staaten Südosteuropas zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zwischen Februar 2022 und September 2023 geben. Zusätzlich wird ein Vergleich gezogen, der sich auf Inhalte und Struktur der Stellungnahmen bezieht. Werden Zustimmung, Enthaltung, oder Ablehnung zum Krieg gegen die Ukraine deutlich? Welche inhaltlichen Argumentationsmuster für eine bestimmte Haltung lassen sich erkennen? Welche grundlegenden Parallelen, und welche Unterschiede sind in den Argumentationen festzustellen? Die Resultate des multireligiösen Vergleichs zeigen erstens, dass keine Zustimmung, und mehrheitlich eine starke Ablehnung des Krieges und Verurteilung Russlands unter den Gemeinschaften zu verzeichnen ist. So erscheint die Russisch-Orthodoxe Kirche aus südosteuropäischer Perspektive isoliert, auch aus der Sicht der orthodoxen Kirchen. Zweitens zeigt sich eine große Bandbreite von Positionen im Spektrum zwischen Ausblenden des Krieges bis hin zu direkter und starker Verurteilung Russlands. Hier kommen, drittens, teilweise auch große Unterschiede innerhalb von Konfessionen auf (sunnitischer Islam, orthodoxes Christentum). Viertens zeigen sich in den Argumentationen der Verurteilung Russlands vielfach Bezüge zu weltlichen Ordnungsstrukturen wie dem Völkerrecht.
The recent past of Southeastern Europe is characterized by a number of violent conflicts which also severely affected religious communities. Therefore, it can be assumed that they have developed certain mechanisms to publicly process conflicts. The article is intended to provide a descriptive overview of the positions of the religious communities in Southeast Europe on the Russia’s war of aggression against Ukraine between February 2022 and September 2023. In addition, a comparison relates to the content and structure of the statements. Do they articulate support, abstention or rejection of the war against Ukraine? Which content-related patterns of argumentation can be identified? What fundamental parallels and what differences can be found in the arguments? The results of this multi-religious comparison show, firstly, that in the majority of cases a strong rejection of the war is noticeable, and condemnation of Russia’s actions among the communities. The Russian Orthodox Church appears isolated from a Southeast European perspective, and also from the perspective of the Orthodox churches. Secondly, there is a wide range of positions on the spectrum from ignoring the war to directly and strongly condemning Russia. Thirdly, differences in reactions within religious denominations appear (Sunni Islam, Orthodox Christianity). Fourthly, the arguments used to condemn Russia in majority contain strong references to secular regulatory structures such as international law.