Die Masterarbeit untersucht die poetischen Werke Füchse von Llafenko und Spandau von Gloria Dünkler im Hinblick auf ihre literarische Auseinandersetzung mit transkontinentalen Formen des Nationalismus und der Erinnerungskultur im Kontext der deutsch-chilenischen Geschichte. Beide Texte thematisieren historische Verflechtungen des Nationalsozialismus mit Chile, sei es über den Einfluss nationalsozialistischer Ideologie auf die "Auslandsdeutschen" in Chile oder über die Flucht und das spätere Leben des NS-Funktionärs Walther Rauff. Während Füchse von Llafenko den migrationspolitischen Diskurs problematisiert, richtet Spandau den Fokus auf die Sichtbarmachung der scheinbaren Normalisierung nationalsozialistischer Täterbiografien im Exil und die poetische Zeugenschaft politischer Gefangener während der Pinochet-Diktatur. Die Analyse zeigt, dass sich beide Werke intertextueller und intermedialer Verfahren bedienen, etwa durch Bezüge zur "poesía testimonial" sowie durch die Einbindung von Dokumenten und Zeitungszitaten. Die lyrische Gattung ermöglicht dabei eine offene und vielschichtige Exploration der Vorstellung von „den Deutschen“ als nationaler Gruppe in Chile. Besonders in Füchse von Llafenko verschränken sich Vorstellungen eines „erfundenen Bluts“ mit Modernitätsversprechen der staatlich geförderten deutschen Migration und Selbstbildern nationaler Identität. Die wiederkehrende Metaphorik der Pflanzlichkeit eröffnet zugleich neue Denkweisen von Herkunft, Anpassung und Identitätskonstruktion jenseits territorialer Fixierungen. Im Sinne der Gedächtnistheorie nach Astrid Erll lassen sich unterschiedliche Dimensionen der Erinnerungskultur herausarbeiten: Beide konzentrieren sich auf die mentale Dimension, indem es bestehende Narrative durch dokumentarische Vertiefung hinterfragt und erweitert, während Füchse von Llafenko stärker die soziale Dimension der Erinnerungskultur adressiert, indem es den chilenischen Migrationsdiskurs literarisch reflektiert und pluralisiert. Beide Texte verdeutlichen, dass Erinnerungskultur stets von konkurrierenden Perspektiven geprägt ist.