Wissenschaftlich fundierte Einschätzungen zur Rückfälligkeit von Straftätern können grundsätzlich mit zwei methodischen Ansätzen vorgenommen werden. Der nomothetische Ansatz liefert eine auf gruppenstatistischen Erkenntnissen basierende Einschätzung und erfolgt zumeist mit standardisierten Instrumenten. Der klinisch-idiographische Ansatz orientiert sich hingegen am Einzelfall, und die Einschätzung folgt einem regelgeleiteten klinisch-diagnostischen Urteilsbildungsprozess, der insoweit von einem klinisch-intuitiven Vorgehen abzugrenzen ist. Die deutsche Gesetzgebung fordert eine streng auf den Einzelfall bezogene prognostische Einschätzung, die nur die idiographische Methodik zu leisten vermag. Um die Vorzüge des nomothetischen Ansatzes zu berücksichtigen, wurde die Integration beider Ansätze vorgeschlagen. Die integrative Vorgehensweise hat sich in Untersuchungen mit erwachsenen Straftätern als vielversprechend erwiesen. Ziel der vorliegenden Studie war die Untersuchung der prognostischen Validität der nomothetischen und idiographischen Methodik sowie der Integration beider Ansätze bei jugendlichen und heranwachsenden Gewalt- und Sexualstraftätern. Die Stichprobe setzt sich zusammen aus 152 ehemaligen männlichen Inhaftierten der Jugendstrafanstalt Berlin, die zwischen 1998 und 2002 im Alter von 16 bis 29 Jahren entlassen wurden. Die Prognoseinstrumente leisteten eine signifikante Vorhersage allgemeiner (Area under Curve [AUC] = 0,70–0,71) und gewalttätiger Rückfälle (AUC = 0,65–0,74) innerhalb von 3 Jahren nach der Entlassung. Die prognostische Validität der standardisierten Instrumente, die speziell für Jugendliche entwickelt wurden, war vergleichbar mit den entsprechenden Varianten für Erwachsene. Die klinisch-idiographischen Prognosen sagten ebenfalls allgemeine (AUC = 0,71–0,74) und gewalttätige Rückfälle (AUC = 0,71–0,74) signifikant voraus. Insbesondere die klinisch-idiographische Gewaltprognose war den meisten Instrumenten statistisch überlegen. Regressionsanalysen zeigten darüber hinaus, dass die klinisch-idiographische Prognose im Rahmen eines integrierten Ansatzes einen inkrementellen Beitrag zur Vorhersage des allgemeinen und des gewalttätigen Rückfallrisikos leistete. Die Ergebnisse der Studie zeigen somit, dass der klinisch-idiographische Ansatz nicht nur die gesetzlichen Anforderungen an einen einzelfallbezogenen Ansatz erfüllt, sondern auch die Prognosezuverlässigkeit bei jugendlichen Straftätern signifikant verbessern kann.
Offenders’ recidivism risk can be assessed using two methodological approaches. The nomothetic approach provides an assessment based on group statistical findings by using standardized instruments. The idiographic approach is oriented to the individual case and the assessment follows a rule-guided clinical diagnostic process, which in this respect is distinguished from an intuitive approach. German legislation requires risk assessment to be strictly related to the individual case, which only the idiographic methodology provides. In order to take the advantages of the nomothetic approach into account, the integration of both approaches has been proposed. The integrative approach has shown promising results in studies with adult offenders. The purpose of the present study was to examine the prognostic validity of the nomothetic and idiographic methodologies and the integration of the two approaches with juvenile and adolescent violent and sexual offenders. The sample was composed of 152 former male inmates of the Berlin Juvenile Detention Center who were released in 1998–2002 between the ages of 16 and 29 years. The risk assessment instruments significantly predicted general (AUC = 0.70–0.71) and violent recidivism (AUC = 0.65–0.74) within 3 years after release. The predictive validity of instruments specifically developed for adolescents was comparable to the corresponding variants for adults. The clinical idiographic assessments also significantly predicted general (AUC = 0.71–0.74) and violent recidivism (AUC = 0.71–0.74). In particular, the idiographic violence assessment was statistically superior to most instruments. Regression analyses further showed that the clinical idiographic method made an incremental contribution to predicting general and violent recidivism risk within an integrated approach. The results of the study thus show that the clinical idiographic approach not only fulfils the legal requirements for a single case approach, but can also significantly improve the reliability of risk assessment in juvenile offenders.