Using a sample of qualitative narrative interviews conducted in 2023 with scholars employed at Russian universities, the study examines how working conditions in higher education have changed following the full invasion of Ukraine in 2022. The analysis reveals that the growing politicization of higher education has triggered profound institutional and noninstitutional changes: scholars now work in an atmosphere of deepening mistrust and heightened risk, face arbitrary political pressures, and are forced to take sides within an academic community that has become increasingly polarized. This development affects both urban and provincial scholars from all disciplines, albeit to varying degrees, as universities in Moscow and St. Petersburg seem to retain a certain independence. It extends beyond institutional aspects, as it profoundly affects the interpersonal relations within the academic professional class. Among many, the increasing importance of political loyalty for academic careers has fostered a trend towards political, anti-scientific opportunism. Meanwhile, most university students seem to have maintained their attitude of general indifference toward anything political. These findings may help refining recent works on the professional and institutional realities of scholars working under authoritarian conditions, both in Russia and beyond.
Anhand einer Stichprobe qualitativer narrativer Interviews, die 2023 mit an russischen Universitäten beschäftigten Wissenschaftler:innen geführt wurden, untersucht die Studie, wie sich die Arbeitsbedingungen im Hochschulbereich seit der Ukraine-Invasion 2022 verändert haben. Die Analyse zeigt, dass die zunehmende Politisierung des Hochschulwesens tiefgreifende institutionelle und nicht-institutionelle Veränderungen zur Folge hat: Wissenschaftler:innen arbeiten nun in einer Atmosphäre erhöhten Misstrauens und gewachsener Risiken, sehen sich willkürlichem politischen Druck ausgesetzt und sind gezwungen, innerhalb einer polarisierten akademischen Welt Partei zu ergreifen. Diese Entwicklung betrifft Wissenschaftler:innen aus allen Gegenden und Disziplinen, wenn auch in unterschiedlichem Maße; so haben Universitäten in Moskau und St. Petersburg offenbar eine gewisse Unbhängigkeit gewahrt. Die Entwicklung geht insofern über institutionelle Aspekte hinaus, als sie die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Universitäten tiefgreifend beeinflusst. Die zunehmende Bedeutung politischer Loyalität für die akademische Laufbahn hat Tendenzen eines politischen, antiwissenschaftlichen Opportunismus gefördert. Derweil begegnet der Großteil der Studierenden der Sphäre der Politik offenbar auch weiterhin mit einer Haltung generalisierter Indifferenz. Diese Beobachtungen mögen zur Verfeinerung des Blicks auf die aktuelle berufliche und institutionelle Situation von Wissenschaftler:innen, die unter Bedingungen des Autoritarismus arbeiten, beitragen.