Anorexia nervosa (AN) ist eine schwere Essstörung, deren Ersterkrankungsgipfel im Jugendalter liegt. Eine Medikation mit Antipsychotika (AP) entspricht nicht den (inter-) nationalen Leitlinien, wird aber häufig eingesetzt in der Hoffnung, die Gewichtszunahme der oft stark untergewichtigen Patient:innen positiv zu beeinflussen. Die vorliegende Dissertation untersucht jugendliche Patient:innen mit AN, die mit AP behandelt wurden. Ziel der Studie war die Untersuchung der antipsychotischen Medikation hinsichtlich Art, Häufigkeit, Gründen für Wechsel/Absetzen, Prädiktoren für die Gabe und Effekt auf die Gewichtszunahme. Die Datengewinnung erfolgte mittels retrospektiver Auswertung der Krankenakten stationär behandelter Patient:innen <18 Jahren mit AN zwischen 1992 und 2015. Demographische, anthropometrische, Krankheits-, klinische und Behandlungs-Variablen wurden erfasst und zwischen Patient:innen mit und ohne AP verglichen. Zum Ausschluss von Verzerrungen wurden gematchte Subgruppen gebildet. Diese wurden hinsichtlich (1) Gewichtszunahme mit/ohne AP, (2) nicht mit AP behandelten Zeiträumen/mit AP behandelten Zeiträumen innerhalb der Gruppe mit AP-Einnahme, (3) zwischen den gematchten Subgruppen mit/ohne AP sowie (4) bezüglich schnellerer/langsamerer Gewichtszunahme verglichen. Von den 294 Patient:innen (medianes Alter 15,2 Jahre, 96,6% weiblich, 81% restriktive AN, stationäre Behandlungsdauer 98,2 ± 43,2 Tage) nahmen 44 Patient:innen (15%) AP. Olanzapin war mit 33 Behandlungen (63,5%) das häufigste AP. Gründe für Wechsel/Absetzen der Medikation waren hauptsächlich Unwirksamkeit (13,6%) und Unverträglichkeit/fehlende weitere Notwendigkeit (je 9,1%). Die Verschreibungshäufigkeit nahm über den Studienzeitraum signifikant zu. Jüngeres Alter bei Aufnahme, körperlicher Missbrauch in der Kindheit, Borderline-Persönlichkeitsstörungs-Merkmale und geringere Gewichtszunahme vor der AP-Behandlung waren mit AP-Einnahme assoziiert. Die Behandlung mit AP führte nicht zu einer signifikanten Verbesserung der Gewichtszunahme: Im Vergleich der ungematchten Gruppen waren Gewichts(-veränderungs)-Parameter niedriger in der AP-Gruppe. Gematchte Subgruppen: (1) Hier bestätigte sich dieses Ergebnis, (2) im Vergleich innerhalb der AP-Gruppe vor/nach AP-Einnahme ver-änderte sich die Gewichtszunahme mit AP nicht signifikant, (3) auch im Gruppenvergleich mit/ohne AP ergaben sich (signifikant) niedrigere Gewichtsveränderungs-Werte in der AP-Gruppe, (4) schnellere oder langsamere Gewichtszunahme war nicht mit AP-Gabe assoziiert. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen die aktuelle Studienlage: AP werden vorwiegend bei einer Subgruppe mit kränkeren jugendlichen AN-Patient:innen eingesetzt und haben trotz klinisch relevanter Off-Label-Verschreibung keinen positiven Effekt auf die Gewichtsveränderung. Weitere Studien sind notwendig, um die bisherige begrenzte Literatur zu ergänzen.
Anorexia nervosa (AN) is a severe eating disorder that peaks in adolescence. Antipsychotic (AP) medication does not comply with (inter)national guidelines, but is used frequently hoping to increase weight gain in patients who are often severely underweight. This dissertation analyses a cohort of adolescent inpatients with AN and AP's. The aim of the study was to investigate antipsychotic medication in terms of type, frequency, reasons for switching/discontinuation, predictors of administration, and effect on weight gain. Data was collected by retrospectively analyzing the medical records of inpatients <18 years of age with AN between 1992 and 2015. Demographic, anthropometric, disease, clinical, and treatment variables were recorded and compared between patients with and without APs. Matched subgroups were formed to exclude bias. These were compared in terms of (1) weight gain with/without AP's, (2) periods not treated with AP's/periods treated with AP's within the group taking AP's, (3) between the matched subgroups with/without AP's, and (4) regarding faster/slower weight gain. Of the 294 patients (median age 15.2 years, 96.6% female, 81% restrictive AN, inpatient treatment duration 98.2 ± 43.2 days), 44 patients (15%) took AP's. Olanzapine was the most common AP with 33 treatments (63.5%). Reasons for changing/stopping medication were mainly ineffectiveness (13.6%) and intolerance/no further need (9.1% each). The frequency of prescriptions increased significantly over the study period. Younger age at admission, childhood physical abuse, borderline personality disorder traits, and lower weight gain prior to AP treatment were associated with AP use. Treatment with AP did not lead to a significant improvement in weight gain: Compared to the unmatched groups, weight (change) parameters were lower in the AP group. Matched subgroups: (1) This result was confirmed here, (2) in the comparison within the AP group before/after AP intake, the weight gain with AP did not change significantly, (3) also in the group comparison with/without AP, there were (significantly) lower weight change values in the AP group, (4) AP administration was not associated with faster or slower weight gain. The results of the present study confirm the current study situation: AP's are predominantly used in a subgroup of more severely ill adolescent AN patients and do not increase weight change despite clinically relevant off-label prescription. Further studies are needed to supplement the limited literature to date.