In meinem Promotionsvorhaben in der Sozial- und Kulturanthropologie untersuchte ich die spezifischen Affekte in Multi-Rassifizierungs- und Rassismuserfahrungen in den Lebensge-schichten von Frauen mit einem koreanischen und einem nicht-koreanischen Elternteil in Deutschland. Während meiner ethnographischen Feldforschung von Juni 2020 bis Juni 2021 ging ich – hauptsächlich mittels einer „Digital ethnography“ – den Multi-Rassifizierungspro-zessen in den Leben meiner Gesprächspartnerinnen nach und wie sie je nach Lebensphase er-lebt, gefühlt und gewertet wurden.
Hierbei wurde aus affekttheoretischer und rassismuskritischer Perspektive schnell ersichtlich, wie ein „Doing race“ auf vielschichtige und fast unmerkliche Arten und Weisen integraler Be-standteil aller Lebensbereiche, über den gesamten Lebensverlauf meiner Gesprächspartnerin-nen war und ihre Leben in bestimmte Richtungen lenken konnte. Die Frauen aus meiner Un-tersuchung wurden noch vor der Geburt bis ins Erwachsenenalter kontinuierlich in der Familie, von Freund*innen, in der Öffentlichkeit sowie im Schul- und Arbeitskontext als multi-rassifiziert ‚illegitim‘, ‚defizitär‘ oder ‚faszinierend‘ herausgestellt. Meist erfolgte diese Herausstellung über eine „Sezierung“ der Körper und Sprachen der Frauen, die dann als von der mono-rassifiziert-lingualen Norm ‚abweichend‘ galten. Ihre daraus resultierenden meist negativen multi-rassifizierten Affekte wurden dominanzgesellschaftlich, v.a. über Beschämung, ebenfalls als ‚illegitim‘, ‚übertrieben‘ und ‚unangemessen‘ re-produziert. Durch dieses konstante „affektive Gaslighting“ meiner Gesprächspartnerinnen, begannen sie mit zunehmendem Alter selbst an der Berechtigung ihrer negativen Affektivität zu zweifeln. So war ein starkes Ringen mit den multi-rassifizierten Affekten zwischen „minor“ Gefühlen, wie Scham, und „major“ Gefühlen, wie Wut, zu beobachten, worin meine Gesprächspartnerinnen oft stagnierten. Dies führte in vielen Fällen zu einem affektiven Orientierungsverlust, wodurch Rassismus als Norm in Deutschland unbestritten bestehen bleiben kann. Dennoch wurde im Ringen ein geringer Bewegungsradius erkennbar, der es den Frauen erlaubte sich je nach Historie, Lokalität, Relation und Kontext aus der Stagnation partiell zu lösen und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen, was jedoch nicht ohne immense affektive Anstrengungen einherging.
Als erster Beitrag dieser Art bringt meine Arbeit nicht nur mehrere und zu Teilen vernachlässigte Forschungsfelder in Deutschland neu zusammen, sondern leistet auch einen gesellschaftlich höchst relevanten Beitrag zur Fortentwicklung des Verständnisses, wie ein „Doing race“ auf fast unmerkliche Weisen Alltagswelten im gegenwärtigen Deutschland sozial und emotional strukturiert.
In my doctoral project in social and cultural anthropology, I analyzed the specific affects in multi-racialization and racism experiences in the life stories of women with a Korean and a non-Korean parent in Germany. During my ethnographic fieldwork from June 2020 to June 2021, I followed the multi-racialization-processes in the lives of my interlocutors and how they were witnessed, felt and evaluated, depending on their respective phases of life, mainly using digital ethnography.
From an affect-theoretical and a critical-race perspective, it quickly became apparent how a “Doing race” was an integral part of all areas of my interlocutors’ lives over their entire life courses, in multilayered and almost imperceptible ways, which was also able to steer their lives in certain directions. The women in my study were regularly singled out as multi-racialized ‘illegitimate’, ‘deficient’ or ‘fascinating’ in their families, by friends, in public as well as in school and work contexts from before birth until adulthood. This usually took place through the “dissection” of the women’s bodies and languages, which were then considered ‘deviant’ from the mono-racialized-lingual norm. Their mostly negative multi-racialized affects as a result from that, were also re-produced as ‘illegitimate’, ‘excessive’ and ‘inappropriate’ by dominant society, especially through shame. Due to this constant “affective gaslighting” of my interlocutors, as they got older, they too began to doubt the legitimacy of their negative affects. I observed a strong struggle with the multi-racialized affects between “minor” feelings, such as shame, and “major” feelings, such as anger, in which my interlocutors often stagnated. This led to an affective loss of orientation in many cases, through which racism as the norm in Germany can be left unchallenged. Nevertheless, a minimal range of movement became apparent in the struggle, which allowed the women, depending on history, locality, relation and context, to partially break free from the stagnation and to question power relations, which however did not take place without immense affective effort.
As the first contribution of this kind, my work not only brings together several and partly neglected research fields in Germany, but also makes a societally highly relevant contribution to a deeper understanding on how a “Doing race” socially and emotionally structures everyday lifeworlds in contemporary Germany in almost imperceptible ways.